Was ist Zen?
Zen beginnt nicht dort, wo du besondere Antworten findest. Zen beginnt dort, wo du lernst wahrzunehmen, was gerade geschieht – in deinem Körper, in deinen Gedanken, in deinen Gefühlen und in deinem Leben.
Zen kurz erklärt
- Gegenwart: Du lernst, bewusster wahrzunehmen, was jetzt geschieht.
- Beobachtung: Gedanken und Gefühle dürfen entstehen, ohne sofort zu deiner Identität zu werden.
- Nicht-Anhaften: Du übst, Erfahrungen nicht zwanghaft festzuhalten oder abzuwehren.
- Erfahrung: Zen möchte nicht nur verstanden, sondern praktiziert werden.
Zen beginnt mit Wahrnehmung
Ein wesentlicher Teil der Zen-Praxis besteht darin, den gegenwärtigen Moment möglichst klar wahrzunehmen. Das klingt zunächst einfach. Doch unser Geist ist selten nur dort, wo unser Körper gerade ist.
Während wir essen, denken wir bereits an den nächsten Termin. Während jemand mit uns spricht, formulieren wir innerlich schon unsere Antwort. Wir erinnern uns an Vergangenes, planen Zukünftiges, bewerten Erlebtes und reagieren auf Geschichten, die unser Geist daraus entwickelt.
Zen lädt dich dazu ein, diesen Prozess überhaupt erst zu bemerken.
Genau dieser Raum ist für Nhankido besonders wichtig. Denn dort beginnt die Möglichkeit, nicht ausschließlich aus Gewohnheit zu reagieren, sondern bewusster zu handeln.
Zazen – sitzen und wahrnehmen
Eine klassische Übungsform des Zen ist Zazen, die Sitzmeditation. Dabei geht es nicht darum, einen besonderen Bewusstseinszustand zu erzwingen oder den Kopf vollkommen leer zu bekommen.
Du sitzt. Du atmest. Du nimmst wahr.
Gedanken entstehen. Gefühle tauchen auf. Körperempfindungen verändern sich. Erinnerungen erscheinen und verschwinden wieder.
Setze dich für einige Minuten ruhig hin. Spüre deinen Atem, ohne ihn verändern zu wollen. Wenn ein Gedanke auftaucht, bemerke ihn. Dann kehre mit deiner Aufmerksamkeit wieder zum Atem und zum Körper zurück.
Du musst nichts bekämpfen und nichts festhalten.
Mit der Zeit kann dadurch eine andere Beziehung zum eigenen Erleben entstehen. Du bemerkst immer deutlicher: Da ist ein Gedanke – aber ich muss ihm nicht automatisch folgen.
Leerheit und Nicht-Selbst
Zwei Begriffe wirken für Menschen, die Zen neu kennenlernen, häufig zunächst fremd: Leerheit und Nicht-Selbst.
Leerheit bedeutet nicht, dass nichts existiert oder das Leben bedeutungslos wäre. Vielmehr weist der Begriff darauf hin, dass Dinge nicht vollkommen unabhängig und unveränderlich aus sich selbst heraus bestehen.
Auch das, was wir „Ich“ nennen, ist kein starrer Block. Unser Erleben verändert sich fortwährend. Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, Erinnerungen, Rollen und Überzeugungen entstehen unter bestimmten Bedingungen und verändern sich wieder.
Diese Perspektive kann befreiend sein. Denn wenn ein Gefühl nicht deine gesamte Identität ist, musst du auch nicht für immer dieses Gefühl bleiben.
Nicht: „Ich bin wütend.“
Vielleicht zunächst: „Da ist Wut.“
Nicht: „Ich bin gescheitert.“
Vielleicht: „Etwas ist anders verlaufen, als ich es wollte.“
Die Erfahrung bleibt real. Doch die Identifikation damit kann sich verändern.
Bedingtes Entstehen
Ein weiterer zentraler Gedanke buddhistischer Lehre ist das bedingte Entstehen. Vereinfacht gesagt: Erfahrungen entstehen nicht isoliert. Sie entwickeln sich aus Bedingungen und führen wiederum zu neuen Bedingungen.
Ein Kontakt löst eine Empfindung aus. Eine Empfindung kann Verlangen oder Ablehnung hervorrufen. Daraus kann Festhalten entstehen. Durch Wiederholung entwickeln sich Muster – und aus Mustern kann schließlich eine Art zu leben und zu reagieren werden.
Traditionell wird dieser Prozess in zwölf miteinander verbundenen Gliedern beschrieben:
Grundlagen des Erlebens
Nichtwissen · Gestaltungen und Absichten · Bewusstsein · Geist und Körper
Kontakt und Reaktion
Sinnesbereiche · Kontakt · Empfindung · Begehren
Festhalten und Werden
Anhaften · Werden · Geburt · Alter und Tod
Für die Praxis ist dabei weniger entscheidend, die zwölf Begriffe auswendig zu lernen. Interessanter ist die Frage:
Wenn du diesen Prozess wahrnimmst, entsteht die Möglichkeit, ihn nicht jedes Mal vollständig zu wiederholen.
BAM-DAO – ein Weg der Praxis
Der buddhistische Achtfache Pfad beschreibt einen praktischen Weg, Erkenntnis, ethisches Handeln und geistige Schulung miteinander zu verbinden. Im Nhankido wurde daraus das Modell BAM-DAO entwickelt.
Bewegung
Der Körper wird Teil der Praxis. Bewegung, Haltung und bewusstes Üben verbinden Wahrnehmung mit Handlung.
Achtsamkeit
Du lernst wahrzunehmen, was geschieht – im Körper, im Geist und in deinem Umgang mit anderen Menschen.
Meditation
Stille schafft einen Übungsraum, in dem Gedanken, Gefühle und Reaktionsmuster deutlicher erkennbar werden können.
Entscheidend ist nicht eine einzelne Übung. Bewegung, Achtsamkeit und Meditation werden zu einem Weg, wenn sie in das alltägliche Leben hineinwirken.
Der traditionelle Achtfache Pfad umfasst rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechten Lebenswandel, rechtes Streben, rechte Achtsamkeit und rechte Sammlung. Dabei gehören innere Haltung und äußeres Handeln zusammen.
Zen endet nicht auf dem Meditationskissen
Du kannst jeden Morgen meditieren und trotzdem den restlichen Tag vollkommen unbewusst handeln. Deshalb zeigt sich Zen nicht allein darin, wie ruhig du sitzen kannst.
Die eigentliche Praxis beginnt häufig erst dann, wenn das Leben unbequem wird.
Wenn jemand dir widerspricht. Wenn du enttäuscht wirst. Wenn etwas nicht nach deinem Plan verläuft. Wenn Ärger entsteht oder alte Muster wieder auftauchen.
Dann wird aus Meditation gelebte Achtsamkeit.
So verstanden ist Zen keine Flucht aus dem Leben. Es ist eine Möglichkeit, dem Leben unmittelbarer zu begegnen.
Zen ist etwas, das du tust.
Beobachten. Wahrnehmen. Loslassen. Wieder wahrnehmen. Und irgendwann erkennen, dass zwischen dem, was geschieht, und dem, was du daraus machst, mehr Freiheit liegen kann, als du bisher vermutet hast.
