Wir alle haben Wünsche, Vorlieben und Abneigungen. Doch nicht alles, was wir wollen, entspricht zugleich dem, wofür wir stehen möchten. Mit der zweiten Dimension betreten wir deshalb eine neue Ebene der Nhankido-Landkarte: Aus dem unmittelbaren Erleben von Lust und Unlust entsteht die Frage nach unserer inneren Orientierung.
Solange eine Entscheidung leichtfällt, müssen wir über unsere Werte oft kaum nachdenken. Erst wenn Bedürfnisse miteinander konkurrieren, Beziehungen herausfordernd werden oder ein kurzfristiger Wunsch einer langfristigen Haltung widerspricht, zeigt sich, woran wir unser Handeln tatsächlich ausrichten.
Was sind Werte?
Werte sind innere Orientierungen. Sie beschreiben, was wir als bedeutsam, richtig, schützenswert oder erstrebenswert erleben. Dazu können beispielsweise Ehrlichkeit, Freiheit, Verbundenheit, Verantwortung, Sicherheit, Mitgefühl, Gerechtigkeit oder Selbstbestimmung gehören.
Allerdings sind Werte mehr als schöne Begriffe. Ein Wert gewinnt erst dann wirkliche Bedeutung, wenn er unser Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln beeinflusst.
„Welche Werte finde ich wichtig?“
Sondern vielmehr: „Welche Werte werden durch mein tatsächliches Handeln sichtbar?“
Darin liegt ein wesentlicher Unterschied. Wir können Ehrlichkeit wichtig finden und dennoch aus Angst schweigen. Wir können Verbundenheit schätzen und uns trotzdem zurückziehen. Ebenso können wir Freiheit hochhalten und gleichzeitig versuchen, andere Menschen zu kontrollieren.
Die zweite Dimension lädt deshalb nicht dazu ein, eine möglichst schöne Werteliste zu erstellen. Vielmehr geht es darum, die eigene innere Ausrichtung bewusst wahrzunehmen.
Werte haben unterschiedliche Ebenen
Nicht jeder Wert entsteht auf dieselbe Weise. Manche Werte übernehmen wir zunächst aus unserer Umgebung, während andere aus persönlichen Erfahrungen hervorgehen. Wieder andere entwickeln sich erst, wenn wir beginnen, unser eigenes Leben bewusst zu reflektieren.
Was wurde mir vermittelt?
Familie, Schule, Kultur, Religion, Freundeskreis oder gesellschaftliche Erwartungen vermitteln uns Vorstellungen davon, was richtig, wichtig oder erstrebenswert sein soll.
Was habe ich selbst erfahren?
Erlebnisse verändern unsere Prioritäten. Wer beispielsweise Verlust erlebt hat, kann Verbundenheit anders bewerten. Wer Abhängigkeit erfahren hat, entwickelt möglicherweise ein besonderes Verhältnis zu Freiheit.
Wofür entscheide ich mich?
Mit zunehmender Selbstreflexion können wir prüfen, welche übernommenen Vorstellungen weiterhin zu uns passen und welche wir bewusst verändern möchten.
Was lebe ich tatsächlich?
Ein Wert wird schließlich zur Haltung, wenn wir ihn nicht nur benennen, sondern auch dann leben, wenn dies unbequem wird oder etwas von uns verlangt.
Die erste Achse: Lust und Wert
Mit Dimension 2 entsteht erstmals eine direkte Achsenbeziehung innerhalb der Landkarte.
Dimension 1 fragt zunächst: Was zieht mich an – und was stößt mich ab? Dimension 2 ergänzt diese unmittelbare Bewegung um eine zweite Frage: Was empfinde ich als wertvoll – und woran möchte ich mein Handeln ausrichten?
Ich möchte es nicht – aber es ist mir wichtig.
Etwas ist unangenehm, anstrengend oder fordert Überwindung. Dennoch erkenne ich darin einen Wert, für den ich einstehen möchte.
Beispiel: Ein schwieriges Gespräch fühlt sich unangenehm an. Ehrlichkeit, Verantwortung oder Verbundenheit können dennoch dafür sprechen, es zu führen.
Ich möchte es – und es entspricht mir.
Mein unmittelbares Wollen und meine Werte weisen in dieselbe Richtung. Was mich anzieht, stimmt zugleich mit dem überein, wofür ich stehen möchte.
Beispiel: Ich helfe einem Menschen gern und empfinde diese Unterstützung zugleich als Ausdruck von Mitgefühl und Verbundenheit.
Ich möchte es weder erleben noch nähren.
Etwas stößt mich ab und besitzt für mich zugleich keinen erkennbaren Wert. Lust und Werte geben deshalb keinen unmittelbaren Grund, mich darauf zuzubewegen.
Beispiel: Eine destruktive Auseinandersetzung erschöpft mich und widerspricht zugleich der Art, wie ich Beziehungen gestalten möchte.
Es zieht mich an – aber entspricht mir nicht.
Etwas verspricht Genuss, Erleichterung, Anerkennung oder Befriedigung. Gleichzeitig erkenne ich, dass mein Impuls mit meinen eigenen Werten in Spannung steht.
Beispiel: Im Konflikt wäre es vielleicht befriedigend, den anderen mit einer verletzenden Bemerkung zu treffen. Dennoch entspricht dies nicht der Haltung, aus der ich handeln möchte.
Diese vier Felder zeigen, weshalb Lust und Wert weder identisch noch Gegensätze sind. Manchmal unterstützen sie einander. Manchmal widersprechen sie sich. Gerade in dieser Spannung entsteht jedoch die Möglichkeit bewusster Entscheidung.
Wie entwickeln sich Werte?
Unsere Werte verändern sich im Laufe des Lebens. Dabei geht es nicht darum, eine starre Rangordnung menschlicher Entwicklung festzulegen. Die folgenden Stufen dienen vielmehr als Orientierung dafür, wie sich unser Verhältnis zu Werten verändern kann.
Übernahme
Ich orientiere mich stark daran, was Familie, Gemeinschaft oder Autoritäten für richtig halten.
Zugehörigkeit
Werte geben mir Identität und Zugehörigkeit. Anerkennung von außen beeinflusst weiterhin stark, was ich für richtig halte.
Prüfung
Ich beginne zu hinterfragen, welche Werte tatsächlich meine eigenen sind und welche ich lediglich übernommen habe.
Verkörperung
Mein Wert hängt zunehmend weniger davon ab, wie andere mich beurteilen. Ich erkenne: Ich bin genug. Aus dieser inneren Stabilität kann ich Werte freier leben, statt durch sie Anerkennung verdienen zu müssen.
Je weniger wir unseren eigenen Wert im Außen herstellen müssen, desto freier können wir Verantwortung übernehmen, Grenzen setzen, lieben, geben und handeln.
Von Lust über Werte zum Herzensfeuer
Dimension 2 besitzt neben der Achse zu Lust eine weitere bedeutende Resonanz: zum Herzensfeuer der Dimension 9.
Was zieht mich an?
Lust beschreibt die unmittelbare Bewegung zu etwas hin oder von etwas weg. Sie zeigt, was uns anzieht, belebt, erfreut oder was wir vermeiden möchten.
Was ist mir wichtig?
Werte ergänzen den unmittelbaren Impuls um Orientierung. Sie helfen uns zu prüfen, woran wir unser Handeln ausrichten möchten.
Orientierung
Wofür bin ich bereit, wirklich zu gehen?
Herzensfeuer beschreibt die Kraft, die entsteht, wenn Bedeutung nicht nur gedacht wird, sondern uns von innen bewegt.
Ein Wunsch kann kurzfristig stark sein, ohne unserem tieferen Wertesystem zu entsprechen. Ein Wert wiederum kann Orientierung geben, ohne dass er uns wirklich von innen bewegt.
Im Herzensfeuer der Dimension 9 begegnen wir deshalb einer weiteren Frage: Was bleibt nicht nur wichtig, sondern wird zu einer inneren Kraft, für die wir bereit sind, Verantwortung, Energie und Leben einzusetzen?
Was ist mir wirklich wichtig?
Werte geben Orientierung. Sie helfen uns zu erkennen, welche Prinzipien, Beziehungen und Haltungen wir für bedeutsam halten.
Wofür bin ich bereit, wirklich zu gehen?
Herzensfeuer beschreibt die Kraft, die entsteht, wenn Bedeutung nicht nur gedacht wird, sondern uns aus der Tiefe bewegt und in Handlung führen kann.
Lust zeigt, was mich bewegt. Werte zeigen, woran ich mich orientiere. Herzensfeuer zeigt, wofür ich bereit bin, meine Kraft einzusetzen.
Praxisimpuls: Welche Werte leben durch mich?
Nimm dir einige Minuten Zeit und denke nicht zuerst darüber nach, welche Werte du gern besitzen würdest. Beginne stattdessen bei deinem tatsächlichen Leben.
- Welche drei Entscheidungen der letzten Wochen waren für mich wirklich bedeutsam?
- Welche Werte wurden durch mein Verhalten darin sichtbar?
- Wo habe ich gegen einen eigenen Wert gehandelt, obwohl ich es bereits gespürt habe?
- Welche Handlung würde heute entstehen, wenn ich mich nicht beweisen müsste und wüsste: Ich bin bereits genug?
Vielleicht stellst du dabei fest, dass manche Werte tatsächlich deine eigenen geworden sind. Andere erscheinen möglicherweise eher wie Erwartungen, die du übernommen hast. Beides muss nicht sofort verändert werden. Zunächst genügt es, den Unterschied wahrzunehmen.
Werte geben Richtung
Doch sie sollen uns nicht in ein neues Gefängnis aus Selbstansprüchen führen. Je klarer wir erkennen, dass unser eigener Wert nicht ständig verdient werden muss, desto freier können wir wählen, wofür wir stehen möchten.
Nicht weil ich dadurch wertvoll werde – sondern weil ich aus meinem Wert heraus handeln kann.

