Ursprung und Entwicklung von Nhankido

Ursprung & Entwicklung

Wie aus Kampfkunst ein Weg des Menschen wurde.

Nhankido ist nicht an einem einzigen Tag entstanden. Der Weg entwickelte sich über viele Jahre – aus unterschiedlichen Kampfkünsten, aus Selbstverteidigung und Prävention, aus Begegnungen, persönlichen Erfahrungen, Zen-Praxis und immer wieder aus der Frage, was es eigentlich bedeutet, bewusst Mensch zu sein.

Seine Wurzeln reichen in die klassische und asiatische Kampfkunst zurück. Doch mit der Zeit wurde die entscheidende Frage größer:

Geht es nur darum, wie ein Mensch kämpft – oder darum, wie ein Mensch lebt?
Die Wurzeln

Unterschiedliche Wege der Kampfkunst

Am Anfang stand die unmittelbare Erfahrung von Bewegung, Technik, Disziplin und Körperbeherrschung.

FRÜHE JAHRE

Judo

Judo gehörte zu den frühen Begegnungen mit Kampfkunst und eröffnete einen ersten Zugang zu Bewegung, Gleichgewicht, körperlicher Auseinandersetzung und dem Umgang mit Kraft.

WEITERE ERFAHRUNG

Shaolin Kempo & Iaido

Shaolin Kempo und Iaido erweiterten diese Erfahrungen um unterschiedliche Formen von Technik, Distanz, Konzentration, Disziplin und Körperbeherrschung.

VIETNAMESISCHE WURZELN

Viet Vo Dao & Viet Tu Ve

Später wurden die vietnamesischen Kampfkünste immer wichtiger. Viet Vo Dao und insbesondere Viet Tu Ve bildeten wesentliche Grundlagen für die weitere Entwicklung.

Viet Tu Ve verstand sich dabei als Verbindung verschiedener vietnamesischer Kampfkünste, bei der Techniken auf das für die Selbstverteidigung Wesentliche reduziert wurden. „Tu Ve“ bedeutet entsprechend Selbstverteidigung.

Eine Kampfkunst bleibt lebendig, wenn sie sich an den Menschen und seine tatsächlichen Erfahrungen anpassen kann.
Praxis

Selbstverteidigung muss im Leben funktionieren

In den Jahren vor der eigentlichen Entstehung von Nhankido rückte die praktische Selbstverteidigung immer stärker in den Mittelpunkt.

Dabei ging es nicht ausschließlich um Techniken gegen einen körperlichen Angriff. Gerade bei der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Frauen wurde deutlich, dass Selbstverteidigung viel früher beginnt.

WAHRNEHMUNG

Das mulmige Gefühl

Selbstverteidigung beginnt dort, wo ein Mensch wahrnimmt, dass sich eine Situation nicht richtig anfühlt und lernt, dieses Signal ernst zu nehmen.

GRENZEN

Die eigene Position

Sie beginnt dort, wo Grenzen überschritten werden und ein Mensch lernt, die eigene Stimme, Haltung und Position wahrzunehmen und zu vertreten.

HANDLUNGSFÄHIGKEIT

Nicht hilflos bleiben

Und sie zeigt sich dort, wo trotz Angst wieder Handlungsmöglichkeiten entstehen und aus Unsicherheit zunehmend Klarheit werden kann.

Projekte in Kindergärten, Gewaltprävention an Schulen und Angebote zur Frauen-Selbstverteidigung erweiterten deshalb den Blick auf Kampfkunst.

Selbstverteidigung wurde zunehmend zu Selbstbehauptung – und Selbstbehauptung zu einer Frage von Wahrnehmung und Bewusstsein.
März 2013 · Ein Wendepunkt

„Wann lebe ich?“

Manche Entwicklungen entstehen nicht aus einem Plan. Sie entstehen, weil das Leben plötzlich eine Frage stellt, der wir nicht mehr ausweichen können.

Im März 2013 veränderte eine missglückte Operation meines Vaters mein Leben. Er wurde anschließend lange Zeit in einem künstlichen Koma gehalten.

In dieser Situation wandte ich mich an meinen Zen-Meister Thay Thiền Son.

Wann lebe ich?
Wann lebt man wirklich?

Thay antwortete mir nicht.

Er unterrichtete mich.

Damit begann eine Auseinandersetzung, die weit über Kampfkunst hinausging: Was bedeutet Gegenwart? Was ist ein Ich? Warum halten wir fest? Wie entstehen Leiden, Angst und Erwartungen? Was geschieht zwischen einem Reiz und unserer Reaktion? Und wie verändert sich unser Leben, wenn wir beginnen, diese Prozesse tatsächlich wahrzunehmen?

Die Kampfkunst verschwand dadurch nicht. Aber der Raum, in dem sie verstanden wurde, wurde größer.

2014 · Die Öffnung

Von Viet zu Nhân

Vom vietnamesischen Weg zum Weg des Menschen.

VIET

Die Herkunft

Die Begriffe Viet Vo Dao und Viet Tu Ve tragen ihre Herkunft bereits in sich. „Viet“ verweist auf Vietnam und damit auf die vietnamesischen Wurzeln dieser Kampfkünste.

Die Weiterentwicklung

Die Herkunft sollte nicht verschwinden. Gleichzeitig entstand die Frage, wie sich der darin gewachsene Weg über kulturelle Grenzen hinaus öffnen lässt.

NHÂN

Der Mensch

Nhân bedeutet Mensch. Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur, sondern der Mensch selbst rückte damit in den Mittelpunkt.

In dieser Weiterentwicklung entstanden zunächst Bezeichnungen wie Nhan Vo Dao, Nhan Tu Ve und Nhan Khi Kung.

Aus Viet wurde Nhân.
Die Herkunft blieb Teil des Weges. Doch der Blick öffnete sich: von den vietnamesischen Wurzeln hin zu einem Weg für Menschen.
2014–2015

Aus einem Weg entsteht eine Gemeinschaft

Am 16. Dezember 2014 erhielt diese Entwicklung auch eine organisatorische Form. Die Gründungsmitglieder kamen zusammen, beschlossen die Gründung der Nhankido Vereinigung, berieten Satzung und Beitragsordnung und wählten die ersten verantwortlichen Gremien.

2015 folgte die formale Eintragung als Nhankido Vereinigung e.V.

Damit entstand ein gemeinsamer Rahmen, in dem sich Training, Lehre und die weitere Entwicklung von Nhankido entfalten konnten.
2015–2017

Bewegung gehört zum Menschsein

Schon in den ersten Jahren der Vereinigung wurde sichtbar, dass Nhankido nicht ausschließlich auf der Trainingsfläche stattfinden sollte. Ein Beispiel dafür waren die Nhankido-Neujahrsläufe.

Von 2015 bis 2017 trafen sich Menschen zum gemeinsamen Laufen und später auch Walking. Im Vordergrund standen nicht Bestzeiten oder sportlicher Wettbewerb, sondern Bewegung und Gemeinschaft.

Rückblickend lässt sich darin bereits etwas erkennen, das heute selbstverständlich zum Nhankido-Modell gehört: Der Körper ist nicht bloß ein Werkzeug, mit dem Techniken ausgeführt werden.

Der Körper ist ein Erfahrungsraum des Menschen.

Wir atmen durch ihn. Wir spüren Anspannung und Entspannung. Wir erfahren Kraft und Erschöpfung. Wir reagieren körperlich auf Angst, Nähe, Konflikt und Sicherheit. Deshalb entwickelte sich die körperliche Praxis zunehmend über die reine Kampfkunst hinaus.

Zen & Bewusstsein

Der Blick auf Kampfkunst verändert sich

Parallel zur körperlichen Entwicklung wurde die Zen-Praxis immer wichtiger.

Meditation und Kampfkunst erscheinen zunächst vielleicht wie zwei unterschiedliche Welten. Doch beide können dieselbe Frage stellen:

Was geschieht gerade wirklich?
BEWEGUNG

Unter Druck

Unter körperlichem Druck zeigt sich, wie wir reagieren. Anspannung, Angst, Angriff, Rückzug oder Erstarrung werden unmittelbar erfahrbar.

STILLE

Im Geist

In der Stille zeigt sich, was unser Geist daraus macht. Gedanken, Bewertungen, Erwartungen und automatische Reaktionen werden deutlicher sichtbar.

Damit bekam auch die Kampfkunst eine weitere Dimension. Es ging nicht mehr nur darum, eine Situation technisch zu beherrschen.

Es ging zunehmend darum, sich selbst in einer Situation wahrnehmen zu können.
2017

Vom Schüler zum Lehrer

2017 markierte einen weiteren wichtigen Schritt. Nach Jahren der Zen-Praxis und des Unterrichts durch Thay Thiền Son erfolgte die Übertragung zum Zen-Lehrer.

Doch auch dieser Schritt bedeutete keinen Abschluss. Vielmehr vertiefte sich die Verbindung zwischen Zen, Bewegung, Kampfkunst und der Arbeit mit Bewusstsein.

Denn eine Erkenntnis, die nur auf dem Meditationskissen funktioniert, muss sich irgendwann dem Leben stellen.
Und eine Kampfkunst, die nur auf der Trainingsfläche funktioniert, ebenfalls.
2018 · Buddhas Weg

Bewegte Energie

Diese Verbindung wurde zunehmend auch nach außen sichtbar. Beim Vesakh-Fest 2018 in Buddhas Weg wurde Nhankido unter dem Titel „Bewegte Energie“ unterrichtet.

Das Thema lautete:

„Loslassen oder Aufgeben.“

Schon diese Fragestellung zeigt die Entwicklung. Loslassen ist keine Kampfkunsttechnik. Und dennoch kann der Körper unmittelbar erfahrbar machen, was Festhalten bedeutet.

Wie viel Kraft verwenden wir, um gegen etwas anzukämpfen?

Wann ist Widerstand notwendig?

Wann entsteht Stärke gerade dadurch, dass wir nicht verkrampfen?

Worin unterscheidet sich bewusstes Loslassen vom Aufgeben?

Bewegung wurde zu einer Möglichkeit, innere Prozesse körperlich erfahrbar zu machen.
2018–2025

Nhankido bei Buddhas Weg

Auch in den folgenden Jahren blieb Nhankido mit Buddhas Weg verbunden. Training und gemeinsame Praxis führten Bewegung, Atem, Körperwahrnehmung und Bewusstseinsarbeit immer wieder zusammen.

Nhankido ist bei jedem Buddha-Fest als „Nhankido – Bewegte Energie“ sowie beim Lichterfest mit „Nhankido in Aktion“ Teil des Programms.

Körper und Bewusstsein wurden zunehmend als zwei Zugänge zu derselben menschlichen Erfahrung verstanden.
Die Entwicklung

Aus Kampfkunst wird nicht weniger Kampfkunst

Die Entwicklung von Nhankido bedeutet nicht, seine kämpferischen Wurzeln hinter sich zu lassen.

SELBSTVERTEIDIGUNG

Handlungsfähig bleiben

Selbstverteidigung bleibt Teil des Weges und vermittelt Möglichkeiten, sich in einer konkreten Situation wirksam und angemessen zu schützen.

TECHNIK

Körperlich lernen

Technik, Bewegung, Distanz, Timing und körperliche Fähigkeiten bleiben wichtige Bestandteile der Praxis.

BEWUSSTSEIN

Den Menschen sehen

Gleichzeitig richtet sich der Blick darauf, wer handelt, aus welchem inneren Raum heraus gehandelt wird und welche Wirkung daraus entsteht.

Was nützt eine gute Technik, wenn Angst unsere Wahrnehmung übernimmt?

Was nützt Wissen, wenn wir es im entscheidenden Moment nicht leben können?

Was nützt innere Ruhe, wenn sie beim ersten Konflikt verschwindet?

Und was bedeutet Stärke, wenn sie nur darin besteht, sich gegen andere durchzusetzen?

Aus einer Kampfkunst wurde nicht weniger Kampfkunst.
Der Blick auf den Menschen wurde größer.
Nhankido heute

Fünf Säulen – ein Weg des Menschen

Aus den unterschiedlichen Erfahrungen entwickelte sich nach und nach das heutige Nhankido.

Was zunächst vor allem über Kampfkunst, Selbstverteidigung und körperliche Praxis sichtbar wurde, öffnete sich immer weiter für die verschiedenen Ebenen menschlicher Erfahrung.

Körper
Geist
Bewusstsein
Wissen
Verbindung

Die Bewusstseinsschule untersucht darüber hinaus, wie Wahrnehmung, Identität, Muster, Ursache und Wirkung unser Leben prägen. Mit den 12 Dimensionen des Menschseins entstand schließlich eine weiterführende Landkarte, um unterschiedliche Räume menschlicher Erfahrung betrachten und miteinander verbinden zu können.

Nhankido versteht sich dabei nicht als abgeschlossenes System.
Denn auch der Mensch ist kein abgeschlossenes System.
Ein lebendiger Weg

Eine Entwicklung, die weitergeht

Nhankido wurde nicht an einem einzigen Tag erfunden.

Es entstand aus Judo, Shaolin Kempo und Iaido, aus Viet Vo Dao und Viet Tu Ve, aus Selbstverteidigung und Gewaltprävention, aus der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Es entwickelte sich durch Bewegung und Begegnung. Durch Zen und Meditation. Durch persönliche Krisen. Durch Lehrer und Schüler. Durch Fragen, auf die es manchmal keine einfache Antwort gibt.

Und schließlich durch die Erkenntnis, dass Kampfkunst, Bewusstsein und Leben nicht voneinander getrennt werden müssen.

Ein Weg des Menschen muss sich mit dem Menschen entwickeln.

Nhankido bedeutet deshalb nicht, einen fertigen Weg nachzugehen. Es bedeutet, wahrzunehmen, zu erfahren, zu verstehen – und immer bewusster zu entscheiden, wie wir unsere Kraft in diese Welt bringen.

Der Weg verändert sich.
Der Mensch verändert sich.
Und beides gehört zusammen.