Zazen – sitzen und wahrnehmen
Zazen ist die klassische Sitzmeditation des Zen. Doch es geht dabei nicht darum, besonders gut stillzusitzen oder den Kopf vollkommen leer zu bekommen. Du setzt dich hin, richtest deinen Körper aus und lernst wahrzunehmen, was gerade geschieht.
Was du beim Zazen übst
Du richtest deinen Körper aus und nimmst bewusst wahr, dass du jetzt sitzt.
Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen dürfen auftauchen, ohne dass du ihnen sofort folgen musst.
Wenn deine Aufmerksamkeit abschweift, kehrst du immer wieder zum Atem, zum Körper und zum Sitzen zurück.
Was du in der Stille übst, kann dir später helfen, auch im Alltag bewusster zu reagieren.
Die Haltung – stabil und entspannt
Eine gute Sitzposition soll weder besonders beeindruckend aussehen noch Schmerzen verursachen. Entscheidend ist eine Haltung, die gleichzeitig stabil und entspannt ist.
Du kannst auf einem Meditationskissen, einer Bank oder einem normalen Stuhl sitzen. Wichtig ist weniger die äußere Form als die Qualität deiner Haltung.
Rücken
Dein Rücken ist aufgerichtet, aber nicht steif. Die Wirbelsäule trägt dich, ohne dass du dich verkrampfst.
Schultern & Gesicht
Die Schultern dürfen sinken, der Kiefer bleibt locker und das Gesicht möglichst entspannt.
Beine & Füße
Wenn du auf einem Stuhl sitzt, stehen die Füße möglichst stabil auf dem Boden. Auf dem Kissen entsteht Stabilität über die Sitzbasis.
Hände und Blick
In vielen Zen-Traditionen werden die Hände in einer bestimmten Haltung zusammengelegt. Dabei liegt eine Hand in der anderen, während sich die Daumenspitzen leicht berühren. Diese Haltung wird häufig als kosmisches Mudra bezeichnet.
Du musst daraus jedoch keine komplizierte Übung machen. Entscheidend ist, dass die Hände ruhig liegen und du nicht ständig etwas mit ihnen tust.
Auch die Augen bleiben beim Zazen häufig leicht geöffnet. Der Blick ist weich und nicht auf einen bestimmten Gegenstand fixiert. Er kann ungefähr ein bis zwei Meter vor dir auf dem Boden oder an einer Wand ruhen.
Geschlossene Augen können Entspannung erleichtern. Sie können aber auch dazu führen, dass du stärker in Gedanken, Bilder oder Müdigkeit hineingleitest. Der offene Blick hält eine Verbindung zur Umgebung aufrecht.
Der Atem – nichts erzwingen
Du musst deinen Atem nicht kontrollieren. Atme zunächst einfach so, wie du atmest.
Spüre, wie sich dein Bauch oder Brustkorb beim Einatmen bewegt. Spüre das Ausatmen. Wenn du möchtest, kannst du zu Beginn deine Atemzüge zählen.
Einatmen. Ausatmen. Eins.
Einatmen. Ausatmen. Zwei.
Zähle bis zehn und beginne wieder bei eins.
Wenn du irgendwann bemerkst, dass du bei 23 angekommen bist oder längst über etwas ganz anderes nachdenkst, ist nichts schiefgegangen. Der Moment, in dem du es bemerkst, ist bereits Teil der Übung.
Was mache ich mit meinen Gedanken?
Nichts Besonderes.
Du musst Gedanken weder wegdrücken noch analysieren. Stell dir vor, du sitzt an einem Weg. Gedanken kommen vorbei. Manche wirken wichtig, andere absurd. Einige tragen starke Gefühle mit sich.
Du musst nicht in jedes vorbeifahrende Fahrzeug einsteigen.
Das klingt einfach. Und genau darin liegt die Übung.
Wenn Gefühle auftauchen
Manchmal wird es während der Meditation nicht ruhiger, sondern intensiver. Ärger, Traurigkeit, Angst oder Unruhe können deutlicher spürbar werden. Auch Erinnerungen können auftauchen, mit denen du gerade nicht gerechnet hast.
Auch hier geht es zunächst um Wahrnehmung. Wo spürst du das Gefühl im Körper? Wird dein Atem schneller? Entsteht Spannung? Was geschieht, wenn du das Gefühl einen Moment lang wahrnimmst, ohne sofort eine Geschichte daraus zu machen?
Zazen ist keine Aufforderung, schwierige Gefühle auszuhalten, egal wie stark sie werden. Wenn etwas überwältigend wird, kannst du die Meditation jederzeit beenden, dich bewegen oder deine Aufmerksamkeit bewusst nach außen richten.
Wie lange sollte ich sitzen?
Für den Anfang reichen fünf Minuten. Es ist besser, regelmäßig kurz zu sitzen, als sich selten zu langen Einheiten zu zwingen.
Ankommen
Körper wahrnehmen, Atem spüren und einen ersten ruhigen Bezugspunkt finden.
Stabilisieren
Aufmerksamkeit sammeln und das wiederholte Abschweifen und Zurückkehren bewusster erleben.
Vertiefen
Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen über einen längeren Zeitraum beobachten.
Deine erste 5-Minuten-Zazen-Praxis
Minute 1 · Ankommen
Setze dich auf einen Stuhl oder ein Kissen. Richte deinen Rücken auf, lass die Schultern sinken und spüre den Kontakt deines Körpers mit dem Boden oder Sitz.
Minute 2 · Atmen
Nimm deinen natürlichen Atem wahr. Du musst nichts verändern.
Minute 3 · Beobachten
Gedanken dürfen auftauchen. Bemerke sie und kehre anschließend wieder zurück.
Minute 4 · Körper
Nimm Spannung, Wärme, Druck oder Bewegung wahr, ohne sofort etwas verändern zu wollen.
Minute 5 · Sitzen
Versuche nichts Besonderes mehr. Sitze einfach. Atme. Sei da.
Wenn es nicht so läuft wie erwartet
Das ist kein Fehler. Du bemerkst gerade erst, wie viel dein Geist ohnehin denkt.
Konzentration entsteht nicht dadurch, niemals abzuschweifen. Sie wächst durch das wiederholte Zurückkehren.
Dann nimm zunächst die Unruhe wahr. Vielleicht musst du deine Haltung verändern oder dein Körper braucht Bewegung.
Das ist vollkommen in Ordnung. Zazen muss keine außergewöhnliche Erfahrung produzieren.
Zazen und Leistung
Gerade in einer Welt, in der fast alles bewertet wird, besteht die Gefahr, auch Meditation zu einem Optimierungsprojekt zu machen.
Wie lange habe ich gesessen? Wie ruhig war mein Geist? War die Meditation heute besser als gestern?
Du sitzt nicht, um eine perfekte Meditation zu produzieren. Du sitzt, um klarer wahrzunehmen, was gerade da ist.
Vom Sitzen ins Leben
Der eigentliche Wert von Zazen zeigt sich nicht nur während der Meditation.
Vielleicht bemerkst du irgendwann im Alltag: Da entsteht Ärger. Da wird mein Körper eng. Da möchte ich sofort antworten. Und plötzlich erkennst du denselben Vorgang, den du beim Sitzen schon oft beobachtet hast.
Dann kann ein kleiner Raum entstehen. Und in diesem Raum kannst du bewusster entscheiden, wie du handeln möchtest.
Zazen ist eine Form – Bewusstheit ist der Weg
Im Nhankido ist Meditation kein isolierter Bereich. Sie verbindet sich mit Bewegung, Atmung, Selbstreflexion, Kampfkunst und dem Umgang mit anderen Menschen.
Auf dem Meditationskissen begegnet dir vielleicht ein Gedanke. Im Training begegnen dir Druck, Distanz und Bewegung. Im Alltag begegnen dir Kritik, Erwartungen, Angst oder Konflikte. Die Situationen verändern sich – die grundlegende Übung bleibt ähnlich.
Still sitzen ist nur eine Form.
Die eigentliche Praxis ist, auch mitten im Leben anwesend zu bleiben.

