Was uns anzieht und zum Leben hin bewegt.
Lust beginnt mit einer Bewegung: Etwas zieht uns an. Wir möchten etwas erleben, schmecken, berühren, entdecken oder gestalten. Wir wünschen uns Nähe, Freude, Anerkennung oder Erfolg. Vielleicht möchten wir einen Menschen kennenlernen, eine Reise machen, etwas erschaffen oder einfach einen Augenblick genießen.
Lust gehört deshalb zu den unmittelbarsten Erfahrungen des Menschseins. Dabei meint Lust in Nhankido weit mehr als Sexualität. Sie beschreibt zunächst die Hinbewegung zu einer Erfahrung, die uns angenehm, interessant oder erstrebenswert erscheint.
Dimension 1 in einer Minute
Dimension 1 beschäftigt sich mit Anziehung, Wunsch, Genuss und Begehren.
Etwas zieht uns an
Etwas erscheint angenehm oder erstrebenswert und in uns entsteht die Bewegung darauf zu.
Aus Wunsch kann Müssen werden
Aus „Das möchte ich“ kann „Das brauche ich“ entstehen. Genau hier beginnt die Spannung zwischen Genuss und Festhalten.
Wahrnehmen statt automatisch folgen
Die Praxis besteht weder darin, jeder Lust nachzugeben, noch darin, sie zu unterdrücken.
Freiheit beginnt dort, wo du wahrnehmen kannst, was du willst, ohne jedem Impuls folgen zu müssen.
Lust ist mehr als Sexualität
Wenn wir das Wort Lust hören, denken viele Menschen zunächst an Sexualität. Doch Lust beginnt wesentlich früher.
Ein Kind entdeckt etwas und möchte es berühren. Du riechst dein Lieblingsessen und bekommst Appetit. Ein Gedanke begeistert dich und du möchtest ihn verwirklichen. Du begegnest einem Menschen und möchtest ihm näher sein. Du siehst einen unbekannten Weg und möchtest wissen, wohin er führt.
All diese Erfahrungen besitzen etwas Gemeinsames: Etwas zieht uns an.
Lust kann sich deshalb als Lebensfreude, Neugier, Sinnlichkeit, Kreativität, Bewegung, Nähe oder Entdeckungsdrang zeigen. Auch Sexualität gehört dazu. Sie ist jedoch eine Ausdrucksform von Lust – nicht ihre vollständige Bedeutung.
Vom Impuls zum Begehren
Besonders interessant wird Dimension 1 dort, wo aus einer einfachen Anziehung eine innere Forderung entsteht.
„Das gefällt mir.“
„Das möchte ich haben.“
„Ich brauche das, damit es mir gut geht.“
Äußerlich scheint sich dabei kaum etwas verändert zu haben. Innerlich jedoch ist etwas Entscheidendes geschehen: Aus einer Möglichkeit ist eine Bedingung geworden.
Genau an dieser Stelle beginnt das, was wir als Anhaften oder Festhalten erleben können. Wir genießen nicht mehr nur eine Erfahrung. Wir beginnen zu verlangen, dass sie bleibt, wiederkehrt oder genau unseren Vorstellungen entspricht.
Lust und Anhaften sind nicht dasselbe
Diese Unterscheidung ist für Nhankido entscheidend.
Denn Lust ist nicht automatisch Anhaften. Du kannst einen Menschen lieben und seine Nähe genießen, ohne ihn besitzen zu müssen. Du kannst gutes Essen genießen, ohne ständig mehr davon zu brauchen. Du kannst Erfolg anstreben, ohne deinen eigenen Wert davon abhängig zu machen. Du kannst Sexualität genießen, ohne den anderen Menschen zu einem Mittel für deine eigene Befriedigung zu machen.
Problematisch wird nicht die Freude selbst. Problematisch wird unsere Beziehung zu ihr, wenn aus „Ich genieße das“ ein „Das darf nicht aufhören“ wird.
Anhaften sagt: „Das muss bleiben.“
Auch Unterdrückung macht nicht frei
Es gibt jedoch noch eine andere Seite. Menschen können versuchen, Lust zu kontrollieren, abzuwerten oder vollständig zu unterdrücken.
Vielleicht haben wir gelernt, bestimmte Bedürfnisse seien egoistisch. Vielleicht wurde Sexualität mit Scham verbunden. Vielleicht erscheint Genuss verdächtig. Oder wir haben erfahren, dass Wünsche verletzlich machen können.
Dann kann eine andere Strategie entstehen: Ich will lieber nichts brauchen.
Doch auch das ist nicht unbedingt Freiheit. Denn etwas nicht wahrnehmen zu wollen bedeutet nicht, dass es verschwunden ist. Manchmal wirkt ein unterdrückter Wunsch gerade deshalb besonders stark im Hintergrund.
Der Körper weiß oft zuerst davon
Lust beginnt nicht ausschließlich im Denken. Der Körper reagiert häufig, bevor wir unsere Erfahrung sprachlich eingeordnet haben.
Damit verbindet Dimension 1 unmittelbar die Säulen Körper und Geist. Der Körper zeigt die Anziehung. Der Geist beginnt, sie zu interpretieren. Und aus dieser Interpretation kann schließlich eine Handlung entstehen.
Von der Lust zur Wirkung
Hier berührt Dimension 1 eine weitere Säule von Nhankido: Karma.
Denn ein Wunsch allein erzeugt noch nicht dieselbe Wirkung wie eine Handlung. Zwischen beidem liegt ein entscheidender Raum.
Vielleicht möchtest du etwas. Dann kannst du wahrnehmen: Was genau möchte ich? Warum möchte ich es? Welche Handlung entsteht daraus? Welche Wirkung hätte diese Handlung auf mich – und welche Wirkung hätte sie auf andere?
Bewusste Lust
Bewusste Lust bedeutet weder kontrollierte Lust noch grenzenlose Bedürfnisbefriedigung. Sie bedeutet, die eigene Hinbewegung wahrnehmen zu können.
Du kannst etwas genießen und gleichzeitig erkennen, dass es vergänglich ist. Du kannst etwas wollen und trotzdem ein Nein akzeptieren. Du kannst dich nach Nähe sehnen und dennoch die Grenze eines anderen Menschen achten. Du kannst ambitioniert sein und trotzdem bemerken, wann Ehrgeiz beginnt, dich zu beherrschen.
Du kannst Lust empfinden, ohne daraus automatisch einen Anspruch abzuleiten.
Dimension 1 trifft Dimension 2
Doch Wünsche existieren nicht allein.
Vielleicht möchtest du etwas sehr stark – und gleichzeitig widerspricht es einem deiner Werte. Dann treffen Dimension 1 und Dimension 2 unmittelbar aufeinander.
Lust
Was möchte ich?
Welche Erfahrung zieht mich an?
Werte
Was ist mir wichtig?
Welche Haltung soll mein Handeln bestimmen?
Diese beiden Antworten müssen keineswegs identisch sein. Vielleicht möchtest du in einem Streit unbedingt recht behalten, gleichzeitig ist dir Verbindung wichtig. Vielleicht möchtest du etwas besitzen, während dir Nachhaltigkeit wichtig ist. Vielleicht fühlst du dich zu einem Menschen hingezogen, während zugleich Grenzen oder Verpflichtungen Bedeutung besitzen.
Die Resonanz zu Dimension 9 – Herzensfeuer
Im Nhankido-Modell steht Dimension 1 außerdem in besonderer Resonanz zu Dimension 9 – Herzensfeuer.
Was zieht mich an?
Lust kann spontan entstehen und ebenso schnell wieder verschwinden.
Wofür bin ich bereit zu gehen?
Herzensfeuer beschreibt eine tiefere Ausrichtung, die über einen kurzfristigen Impuls hinausreichen kann.
Manchmal beginnt genau dort ein Weg: Etwas zieht uns zunächst an. Wir beschäftigen uns damit. Wir erkennen einen Wert darin. Und irgendwann bemerken wir: Das ist nicht mehr nur etwas, das ich möchte. Es ist etwas, das mir wirklich etwas bedeutet.
Einen Wunsch beobachten
Nimm einen Wunsch, der gerade tatsächlich in deinem Leben vorhanden ist. Etwas Alltägliches reicht vollkommen.
1. Wahrnehmen
Was möchte ich gerade?
2. Körper
Wo spüre ich diesen Wunsch körperlich? Verändert sich Atem, Spannung oder Aufmerksamkeit?
3. Bedeutung
Was verspreche ich mir davon – Freude, Sicherheit, Anerkennung, Nähe oder Ruhe?
4. Freiheit
Was geschieht in mir, wenn ich es nicht bekomme?
5. Wirkung
Welche Folgen hätte es, diesem Wunsch zu folgen – für mich und für andere?
Fragen zur Selbstreflexion
Was zieht mich in meinem Leben immer wieder an?
Wann empfinde ich echte Freude, ohne sofort mehr davon haben zu wollen?
Welche Wünsche werden besonders stark, wenn ich mich unsicher, einsam oder angespannt fühle?
Wo fällt es mir schwer, ein Nein oder eine Grenze zu akzeptieren?
Welche Bedürfnisse unterdrücke ich, obwohl sie zu mir gehören?
Was möchte ich genießen können, ohne daran festhalten zu müssen?
Was davon ist ein vorübergehender Wunsch – und was berührt tatsächlich mein Herzensfeuer?
Dimension 1 im Alltag
Dimension 1 begegnet dir jeden Tag: beim Essen, beim Kaufen, in Beziehungen, in Sexualität, bei Anerkennung, in sozialen Medien, bei Erfolg, bei Unterhaltung, bei der Sehnsucht nach Ruhe – und sogar auf einem spirituellen Weg.
Auch dort kann Lust entstehen: die Lust auf Erkenntnis, besondere Erfahrungen oder die Vorstellung, irgendwann ein bestimmter Mensch zu sein.
Deshalb geht es nicht darum, Lust hinter sich zu lassen. Es geht darum, sie sehen zu lernen.
Bewusstheit fragt: „Was bewegt mich dorthin?“
Freiheit zeigt sich darin, wie ich damit umgehe.
Von Dimension 1 zu Dimension 2
Die erste Dimension macht sichtbar, was uns anzieht. Doch Menschen handeln nicht ausschließlich danach, was sie möchten.
Wir entwickeln Vorstellungen darüber, was richtig, wichtig, schützenswert oder bedeutungsvoll ist. Damit betreten wir die nächste Dimension.
Und genau in dieser Spannung beginnt ein weiterer wesentlicher Erfahrungsraum des Menschseins.
Lust muss nicht verschwinden, damit Freiheit entstehen kann.
Was dich anzieht, kann dir etwas über deine Bedürfnisse, deine Sehnsucht und deine Lebendigkeit zeigen.
Die Frage ist nicht nur, was du willst.
Die Frage ist, wie bewusst du damit umgehen kannst.

