„Nehmen lernen wir früh. Geben lernen wir ein Leben lang.“
Wenn ein Kind etwas begehrt, streckt es die Hand danach aus. Es greift nach Nahrung, Nähe, Aufmerksamkeit und Schutz. Dieses Nehmen ist zunächst weder falsch noch egoistisch, denn es gehört zum Leben. Schließlich kann ein Kind nur wachsen, wenn es empfängt.
Während unser Körper älter wird, bleibt ein Teil unseres Geistes jedoch häufig in dieser Bewegung des Greifens gefangen. Dann verlangen wir nach Besitz, Anerkennung, Sicherheit, Bestätigung, Liebe oder Bedeutung. Zugleich möchten wir vieles bekommen, behalten und kontrollieren.
Selbst dort, wo wir geben, wartet manchmal eine verborgene Erwartung: Wirst du mich dafür mögen? Wirst du mir dankbar sein? Wirst du mir etwas zurückgeben? Wirst du erkennen, wie viel ich für dich getan habe?
Dadurch kann auch eine äußerlich großzügige Handlung innerlich noch immer ein Festhalten sein. Der Weg des Gebens beginnt deshalb nicht bei dem, was unsere Hände weiterreichen. Vielmehr beginnt er bei der Absicht unseres Herzens.
Dāna – die buddhistische Übung der Großzügigkeit
Im Buddhismus wird die Großzügigkeit Dāna genannt. Sie gehört zu den grundlegenden Übungen auf dem Weg zu Mitgefühl, Weisheit und innerer Freiheit.
Dabei bedeutet Dāna nicht nur, Geld, Nahrung oder Besitz zu verschenken. Der Begriff beschreibt vielmehr eine innere Haltung, aus der heraus wir etwas geben, ohne den anderen dadurch an uns binden zu wollen.
So können wir Zeit schenken, aufmerksam zuhören, Wissen weitergeben oder Verständnis zeigen. Ebenso kann ein ehrliches Wort einen Menschen ermutigen. Manchmal besteht die wertvollste Gabe jedoch darin, einem anderen das Gefühl zu vermitteln:
Du wirst gesehen.
Du wirst gehört.
Du musst diesen Augenblick nicht allein tragen.
Dāna ist deshalb weit mehr als eine soziale Tugend. Gleichzeitig ist es eine Schulung des Geistes, denn jedes bewusste Geben lockert für einen Moment den Griff des Ichs.
Der festhaltende Geist sagt: Das gehört mir. Das brauche ich. Das darf ich nicht verlieren. Was bekomme ich dafür?
Die offene Hand antwortet hingegen: Ich muss nicht alles festhalten. Ich kann teilen, ohne weniger zu werden. Außerdem kann ich geben, ohne mich selbst zu verlieren.
Die geschlossene und die offene Hand
Eine geschlossene Faust kann etwas festhalten. Solange sie jedoch geschlossen bleibt, kann sie nichts Neues empfangen. Ebenso wenig kann sie berühren, tragen oder verbinden.
Die offene Hand hält dagegen nichts mit Gewalt fest. Deshalb kann sie sowohl geben als auch empfangen. Darüber hinaus vermag sie zu schützen, zu führen und loszulassen.
Darin liegt ein wesentliches Bild der Nhankido-Praxis. Unsere Kraft soll nicht aus innerer Verkrampfung entstehen. Stattdessen lernen wir, sie aus Bewusstsein zu führen, Klarheit mit Würde zu verbinden und von innen heraus zu handeln.
Auch das Geben braucht diese Verbindung. Ohne Bewusstsein kann es zur Selbstaufgabe werden, während fehlende Klarheit möglicherweise Abhängigkeiten fördert. Ein Geben ohne Würde macht den anderen klein. Fehlen dagegen gesunde Grenzen, erschöpfen wir uns schließlich selbst.
Wahres Geben bedeutet deshalb nicht, immer Ja zu sagen. Ebenso wenig verlangt es von uns, Ausnutzung zu dulden oder die eigenen Bedürfnisse zu verleugnen.
Mitunter ist ein ehrliches Nein sogar die heilsamere Gabe. Außerdem geben wir einem Menschen manchmal gerade dadurch Würde, dass wir ihm etwas zutrauen, anstatt ihm jede Schwierigkeit abzunehmen.
Mitgefühl kann bedeuten, zu helfen. In einer anderen Situation fordert es uns jedoch dazu auf, einen Schritt zurückzutreten. Bisweilen zeigt es sich wiederum in einer klaren Grenze.
Nicht allein die sichtbare Handlung entscheidet daher darüber, ob etwas Dāna ist. Entscheidend sind vielmehr unser Bewusstsein, unsere Absicht und die Wirkung unseres Handelns.
Die verborgenen Bedingungen unseres Gebens
Viele Menschen geben viel und sind dennoch enttäuscht. Sie helfen, kümmern sich, hören zu und übernehmen Verantwortung. Mit der Zeit entsteht in ihnen jedoch das Gefühl, nicht ausreichend gesehen oder gewürdigt zu werden.
Das bedeutet keineswegs, dass ihr Geben falsch war. Allerdings kann die Enttäuschung darauf hinweisen, dass an der Gabe eine unsichtbare Bedingung hing:
Ich gebe dir etwas, damit du mich liebst.
Ich helfe dir, damit du mich brauchst.
Ich verzichte, damit du meine Bedeutung erkennst.
Ich bin für dich da, damit du mich nicht verlässt.
Solche Erwartungen sind zutiefst menschlich. Deshalb müssen wir uns dafür nicht verurteilen. Dennoch sollten wir lernen, sie rechtzeitig wahrzunehmen.
Eine Gabe, die innerlich eine Gegenleistung fordert, ist noch kein vollständig freies Geben. Stattdessen wird sie zu einem stillen Vertrag, den der andere möglicherweise niemals bewusst geschlossen hat. Bleibt die erwartete Antwort aus, entstehen folglich Enttäuschung, Ärger oder Verbitterung.
Die Nhankido-Praxis lädt uns daher ein, vor dem Geben einen Augenblick innezuhalten:
Aus welcher inneren Bewegung heraus gebe ich?
Entsteht meine Gabe aus Fülle oder aus Angst? Handle ich aus Mitgefühl oder suche ich Anerkennung? Gebe ich freiwillig oder fühle ich mich dazu verpflichtet? Unterstütze ich den anderen wirklich oder versuche ich unbewusst, ihn an mich zu binden?
Diese Fragen sollen uns nicht davon abhalten, großzügig zu sein. Vielmehr helfen sie uns, die eigene Absicht zu erkennen und zu klären.
Drei Formen des Gebens
1. Die Gabe dessen, was wir besitzen
Zunächst können wir Nahrung, Geld, Kleidung, Wissen, Fähigkeiten oder andere Mittel teilen. Der Wert einer solchen Gabe bemisst sich allerdings nicht allein an ihrer Größe.
Für einen Menschen bedeutet ein hoher Betrag möglicherweise wenig, während ein anderer trotz geringen Besitzes von Herzen teilt. Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht nur: Wie viel gebe ich?
Die tiefere Frage lautet vielmehr: Wie viel Festhalten überwinde ich dabei?
2. Die Gabe unserer Gegenwart
Häufig benötigen Menschen keine schnelle Lösung. Stattdessen brauchen sie einen Raum, in dem sie für einen Augenblick sein dürfen.
Ungeteilte Aufmerksamkeit gehört heute zu den seltensten Geschenken. Oft hören wir nämlich nur so lange zu, bis wir selbst wieder sprechen können. Während der andere erzählt, bereiten wir bereits unsere Antwort vor. Vielleicht vergleichen wir seine Worte mit unseren eigenen Erfahrungen oder suchen sofort nach einem passenden Rat.
Wirkliche Gegenwart bedeutet hingegen:
Ich bin jetzt hier.
Ich höre dich.
Ich muss dich nicht sofort verändern.
Dein Erleben darf für einen Augenblick Raum haben.
Diese Form des Gebens kostet zwar kein Geld, verlangt jedoch etwas besonders Wertvolles: unsere Wachheit.
3. Die Gabe der Furchtlosigkeit
Einem Menschen Furchtlosigkeit zu schenken bedeutet nicht, ihm jedes Risiko oder jede Unsicherheit abzunehmen. Vielmehr sorgen wir durch unsere Haltung dafür, dass weniger Angst in die Welt gelangt.
Diese Gabe entsteht beispielsweise, wenn wir verlässlich sind, andere nicht demütigen und Wissen offen teilen. Ebenso zeigt sie sich, wenn wir Schutz gewähren und auch in schwierigen Situationen besonnen bleiben. Dadurch darf ein anderer Mensch spüren, dass er in unserer Gegenwart weder manipuliert noch beschämt oder unnötig bedroht wird.
Wer seine Kraft bewusst führt, muss andere nicht einschüchtern, um stark zu erscheinen.
Seine Klarheit gibt Orientierung.
Seine Würde schafft Sicherheit.
Seine Ruhe wird dadurch selbst zu einer Gabe.
Geben kann auch Loslassen bedeuten
Bisweilen besteht Dāna nicht darin, etwas hinzuzufügen. Stattdessen kann die Übung bedeuten, etwas nicht weiterzugeben.
Dann verzichten wir auf eine verletzende Antwort oder tragen eine Kränkung nicht zum nächsten Menschen. Ebenso können wir den Wunsch loslassen, unbedingt recht behalten zu müssen. Auch die Schwäche eines anderen verwenden wir nicht gegen ihn. Auf diese Weise unterbrechen wir eine Kette aus Ärger, Angst und Vergeltung.
Auch das ist Großzügigkeit.
Wir überlassen dem anderen nicht unsere ungefilterte Reaktion, sondern schenken ihm eine bewusste Antwort.
Zwischen Reiz und Reaktion entsteht dadurch ein innerer Raum. In diesem Raum können wir entscheiden, welche Kraft durch uns in die Welt treten soll.
Vielleicht ist Ärger vorhanden. Möglicherweise fühlen wir uns verletzt oder möchten zurückschlagen. Nhankido verlangt jedoch nicht, diese Empfindungen zu verdrängen. Stattdessen nehmen wir sie wahr, ohne ihnen sofort die Führung zu überlassen.
Dadurch wird unser Verzicht nicht zur Schwäche, sondern zum Ausdruck innerer Meisterschaft.
Nicht jede Kraft muss ausgeführt werden.
Eine Wahrheit muss nicht immer im härtesten Ton ausgesprochen werden.
Auch eine Verletzung braucht nicht weitergegeben zu werden.
Wer eine leidvolle Bewegung in sich beendet, schenkt der Welt somit einen Augenblick des Friedens.
Die Würde des Empfangens
Zum Geben gehört zugleich die Fähigkeit, selbst zu empfangen.
Manche Menschen geben ununterbrochen, weil es ihnen schwerfällt, Hilfe anzunehmen. Einerseits möchten sie unabhängig erscheinen. Andererseits fürchten sie vielleicht, jemandem etwas schuldig zu sein oder ihre eigene Verletzlichkeit zu zeigen.
Wer jedoch niemals empfängt, verweigert anderen die Möglichkeit zu geben.
Die offene Hand kann deshalb beides: geben und annehmen.
So dürfen wir Unterstützung empfangen, ohne uns klein zu fühlen. Ebenso können wir Dank annehmen, ohne uns daran festzuhalten. Liebe darf uns erreichen, ohne dass wir sie besitzen müssen. Reicht unsere eigene Kraft für einen Augenblick nicht aus, dürfen wir uns außerdem tragen lassen.
Geben und Empfangen sind folglich keine Gegensätze. Vielmehr bilden sie zwei Bewegungen desselben Lebens.
Der Atem nimmt auf und gibt ab. Auch das Herz empfängt und gibt weiter. Die Erde wiederum nimmt den Regen auf und lässt daraus neues Leben entstehen. Nur wenn beide Bewegungen fließen dürfen, bleibt eine Beziehung lebendig.
Nhankido-Übung: Die offene Hand
Setze dich zunächst für einige Augenblicke ruhig hin und schließe beide Hände zu Fäusten. Spüre anschließend die Spannung in deinen Fingern, Handflächen und Unterarmen.
Danach richte deine Aufmerksamkeit auf das, was du innerlich festhältst. Vielleicht ist es eine Erwartung, eine Enttäuschung oder der Wunsch nach Anerkennung. Ebenso können eine alte Kränkung oder das Bedürfnis, recht zu behalten, in dir gegenwärtig sein.
Du musst nichts davon gewaltsam wegschieben. Atme stattdessen ruhig ein und öffne mit dem Ausatmen langsam deine Hände. Nimm dabei wahr, wie sich die Finger lösen und deine Handflächen weit werden.
Frage dich nun:
Was kann ich heute geben, ohne mich selbst zu verlieren?
Vielleicht sind es fünf Minuten deiner Zeit, ein ehrliches Kompliment oder etwas Geduld mit einem Menschen, der gerade überfordert ist. Ebenso kann es eine Entschuldigung ohne Rechtfertigung sein. Möglicherweise braucht es Vergebung, ohne das Geschehene zu verleugnen. Auch eine klare Grenze ohne Härte oder deine ungeteilte Aufmerksamkeit können wertvolle Gaben sein.
Stelle dir anschließend eine zweite Frage:
Welche Erwartung kann ich heute loslassen?
Vielleicht musst du für eine gute Tat nichts zurückbekommen. Möglicherweise genügt es bereits, dass du in diesem Augenblick das getan hast, was deinem Mitgefühl, deiner Klarheit und deiner Würde entsprach.
Der Weg des Gebens
Wir lernen das Nehmen früh, weil unser Leben davon abhängt. Das Geben lernen wir hingegen ein Leben lang, weil unsere Freiheit davon abhängt.
Am Anfang geben wir vielleicht, weil man es uns beigebracht hat. Später erwarten wir dafür möglicherweise Anerkennung. Mit wachsendem Bewusstsein erkennen wir jedoch eine tiefere Möglichkeit:
Ich gebe nicht, damit ich etwas bekomme.
Meine Gabe soll mich nicht unentbehrlich machen.
Ebenso wenig muss sie mir meinen eigenen Wert beweisen.
Ich gebe, weil Mitgefühl in diesem Augenblick die richtige Bewegung ist.
Wer auf diese Weise gibt, verliert nichts. Vielmehr löst er für einen Moment die Faust des Festhaltens. Dadurch erhält das Leben Raum, durch ihn hindurchzufließen.
So wird Großzügigkeit schließlich zu einer Form innerer Freiheit. Nicht die Größe der Gabe entscheidet über ihren Wert, sondern die Klarheit des Herzens, aus dem sie hervorgeht.
Manchmal ist das größte Geschenk, das wir einem Menschen machen können, ganz still: unsere Gegenwart, unsere Aufrichtigkeit, unsere Geduld und eine Hand, die nicht mehr festhalten muss.
Nhankido-Leitsatz
Gib nicht, um gebunden zu werden.
Gib nicht, um zu binden.
Gib aus Bewusstsein, mit Klarheit und in Würde.
Denn die offene Hand ist nicht leer – sie ist frei.

