Der Berg und ich – wenn das Ich still wird

Der Berg und das ICH
Wenn das Ich still wird

„Wir sitzen beisammen,
der Berg und ich,
bis nur noch der Berg bleibt.“
— Li Po

Diese wenigen Worte erzählen von einer tiefen Erfahrung.

Sie erzählen nicht davon, dass der Mensch verschwinden soll. Sie fordern uns nicht auf, unsere Persönlichkeit, unsere Bedürfnisse oder unsere Geschichte aufzugeben.

Verschwinden darf etwas anderes:

das ständige Ich, das sich zwischen uns und das Leben stellt.

Das Ich, das bewertet.
Das Ich, das vergleicht.
Das Ich, das festhält.
Das Ich, das Recht haben möchte.
Das Ich, das sich mit gestern beschäftigt und vor morgen fürchtet.

Solange dieses Ich laut ist, begegnen wir der Welt nur selten so, wie sie gerade ist. Wir begegnen vor allem unseren Vorstellungen von ihr.

Wir sehen nicht einfach den Berg.

Wir sehen einen schönen oder bedrohlichen Berg. Einen Berg, den wir besteigen möchten. Einen Berg, vor dem wir uns klein fühlen. Einen Berg, den wir fotografieren, beschreiben und mit anderen Bergen vergleichen.

Zwischen dem Berg und uns liegt eine ganze Welt aus Gedanken, Erinnerungen und Erwartungen.

Zunächst sind da deshalb zwei:
der Berg und ich.
Doch wenn wir wirklich still werden, kann sich etwas verändern.

Der Atem wird ruhiger. Der Körper beginnt loszulassen. Gedanken kommen und gehen, aber wir müssen ihnen nicht mehr folgen. Erwartungen werden leiser. Für einen Augenblick verlieren Vergangenheit und Zukunft ihre Macht.

Wir hören auf, den Augenblick ständig erklären zu wollen.
Und langsam verliert die Grenze zwischen dem, der betrachtet, und dem, was betrachtet wird, ihre Bedeutung.
Bis nur noch der Berg bleibt.
Nicht weil wir nicht mehr existieren.
Sondern weil wir aufgehört haben, uns selbst zwischen uns und das Leben zu stellen.
Das Ich ist nicht unser Feind

Im Nhankido geht es nicht darum, das Ich zu bekämpfen.

Das Ich hilft uns, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und unseren Weg in der Welt zu finden. Es ermöglicht uns, Grenzen zu setzen, Beziehungen zu gestalten und bewusst zu handeln.

Leiden entsteht nicht dadurch, dass wir ein Ich besitzen.
Leiden entsteht dort, wo wir glauben, dieses Ich sei alles, was wir sind.

Dann werden Gedanken zu Wahrheiten. Rollen werden zu Identitäten. Verletzungen bestimmen unser Selbstbild. Wünsche verwandeln sich in Forderungen an das Leben.

Wir sagen nicht mehr:
„Da ist Angst.“
Wir sagen:
„Ich bin ängstlich.“

Wir sagen nicht mehr:
„Da ist eine Verletzung.“
Wir sagen:
„Ich bin der Verletzte.“

Wir sagen nicht mehr:
„Da ist der Wunsch, Recht zu behalten.“
Wir sagen:
„Ich habe Recht.“

Aus einer vorübergehenden Erfahrung entsteht eine feste Identität. Und aus dieser Identität entstehen Widerstand, Anspannung und Konflikt.

Der Weg besteht deshalb nicht darin, das Ich zu vernichten. Er besteht darin, es durchsichtig werden zu lassen.
Das Ich darf bleiben.
Jedoch muss es nicht mehr jeden Augenblick beherrschen.

Der Berg als Spiegel

Der Berg verlangt nichts von uns.

Er möchte nicht bewundert werden. Er muss sich nicht erklären. Er versucht nicht, größer zu wirken, als er ist. Er verteidigt seine Form nicht und vergleicht sich nicht mit dem Berg am Horizont.

Er steht einfach da.

Der Regen fällt auf ihn.
Der Wind zieht über ihn hinweg.
Schnee bedeckt seine Hänge.
Die Sonne erwärmt seinen Stein.

Der Berg hält diese Veränderungen nicht fest. Er lehnt sie aber auch nicht ab.
So wird er zum Spiegel unserer eigenen Übung.

Auch in uns ziehen Gedanken, Gefühle und Erfahrungen vorüber. Freude erscheint. Angst entsteht. Ärger steigt auf. Trauer legt sich über unser Herz. Anerkennung erreicht uns und Ablehnung trifft uns.

Doch nichts davon ist unser vollständiges Wesen.
Wir können lernen, diesen Erfahrungen Raum zu geben, ohne uns vollständig mit ihnen zu verwechseln.

Der Berg zeigt uns:

Festigkeit bedeutet nicht, unveränderlich zu sein.
Festigkeit bedeutet, inmitten der Veränderung den Kontakt zu unserem inneren Grund nicht zu verlieren.
Vom betrachtenden Ich zum unmittelbaren Sein

Gewöhnlich erleben wir die Welt durch eine innere Trennung:

Hier bin ich – dort ist das Leben.
Hier bin ich – dort ist der andere Mensch.
Hier bin ich – dort ist das Problem.

Diese Trennung lässt uns glauben, wir müssten das Leben kontrollieren, um sicher zu sein. Wir versuchen, Situationen zu beherrschen, Menschen zu verändern und Entwicklungen vorherzusagen.

Doch je stärker wir kontrollieren, desto weiter entfernen wir uns häufig von dem, was tatsächlich geschieht.

Unmittelbares Sein beginnt dort, wo wir wieder wahrnehmen, bevor wir bewerten.

Wir hören einen Ton, bevor wir ihn benennen.
Wir spüren den Atem, bevor wir ihn verändern.
Wir sehen einen Menschen, bevor unsere Erinnerung über ihn spricht.
Wir nehmen einen Konflikt wahr, bevor unser verletztes Ich eine Antwort vorbereitet.

Für einen Augenblick begegnen wir dem Leben ohne die alten Geschichten.
Das bedeutet nicht, dass wir nicht mehr denken sollen.
Es bedeutet, dass das Denken wieder zu einem Werkzeug wird – und nicht länger zu unserem Herrn.

Der Berg in der Kampfkunst

Auch in der Kampfkunst zeigt sich diese Erfahrung unmittelbar.

Am Anfang stehen sich zwei Menschen gegenüber:

der andere und ich.

Ich beobachte seine Haltung. Ich bewerte seine Stärke. Ich überlege, welche Technik ich anwenden könnte. Vielleicht möchte ich gewinnen, mich beweisen oder auf keinen Fall einen Fehler machen.

Je mehr sich mein Geist damit beschäftigt, wie ich wirke, desto angespannter wird mein Körper.

Die Schultern heben sich.
Der Atem wird flach.
Die Bewegung verliert ihre Natürlichkeit.
Die Technik wird erzwungen.

Zwischen Wahrnehmung und Handlung steht das Ich.

Mit zunehmender Übung kann etwas anderes entstehen.

Ich sehe nicht mehr nur einen Gegner. Ich nehme Bewegung, Abstand, Richtung und Energie wahr. Mein Körper antwortet, ohne dass jeder Schritt vorher gedanklich erklärt werden muss.

Ich greife nicht mehr zwanghaft nach einer Technik.

Die passende Bewegung entsteht aus der Situation.

In diesem Augenblick gibt es nicht mehr den Kämpfer hier und den Angriff dort. Es gibt Wahrnehmung und Antwort, Bewegung und Gegenbewegung, Öffnung und Raum.

Die Handlung bleibt.

Aber der Handelnde muss sich nicht mehr ständig selbst bestätigen.

Das ist keine Passivität.

Es ist höchste Gegenwärtigkeit.

Kraft wird nicht mehr aus Angst oder Selbstbehauptung geführt, sondern aus Bewusstsein. Klarheit verbindet sich mit Würde. Die Bewegung wird von innen geführt.

Vom Reagieren zum Antworten

Unser Ich zeigt sich nicht nur in großen Konflikten. Häufig erscheint es in kleinen Augenblicken:

Wenn wir unbedingt das letzte Wort haben wollen.
Wenn Kritik sofort eine Rechtfertigung auslöst.
Wenn wir uns übergangen fühlen.
Wenn jemand unsere Erwartungen nicht erfüllt.
Wenn wir Anerkennung suchen und sie nicht erhalten.
Wenn wir glauben, eine Rolle verteidigen zu müssen.

In solchen Momenten steht nicht der Berg vor uns, sondern ein Mensch, ein Problem oder eine unangenehme Erfahrung.

Doch die Übung bleibt dieselbe.

Wir halten inne.

Wir spüren den Boden unter unseren Füßen. Wir nehmen den Atem wahr. Wir beobachten, welche Geschichte das Ich gerade erzählt:

„Ich werde nicht respektiert.“
„Ich muss mich verteidigen.“
„Ich darf nicht verlieren.“
„Der andere muss verstehen, dass ich Recht habe.“

Wir müssen diese Gedanken nicht verurteilen. Wir dürfen sie einfach erkennen.
Indem wir sie wahrnehmen, ohne ihnen sofort zu folgen, entsteht ein kleiner innerer Raum.

In diesem Raum liegt Freiheit.

Vielleicht müssen wir handeln, widersprechen oder eine klare Grenze setzen. Doch unsere Handlung entsteht nun nicht mehr ausschließlich aus der Verletzung.

Wir reagieren nicht nur.
Wir antworten.

Die feine Falle des spirituellen Ichs

Auf dem spirituellen Weg begegnet uns ein besonders feines Hindernis:

Das Ich beginnt, seine eigene Auflösung erreichen zu wollen.

Es möchte besonders still, bewusst oder entwickelt sein. Es vergleicht seine Erkenntnisse mit denen anderer und beginnt vielleicht sogar, sich mit seiner vermeintlichen Ichlosigkeit zu identifizieren.

Dann sagt es heimlich:

„Seht, wie wenig Ich ich habe.“

Doch Stille lässt sich nicht erzwingen.

Wir können das Ich nicht mit Gewalt zum Schweigen bringen. Denn derjenige, der diesen Kampf führt, ist wiederum das Ich.

Wir können nur lernen, nicht mehr jeden Gedanken zu nähren.

Wir setzen uns hin.
Wir atmen.
Wir nehmen wahr.
Wir lassen entstehen.
Wir lassen vergehen.

Der Berg muss nichts tun, um Berg zu sein.

Und auch wir müssen nichts Besonderes darstellen, um mit dem Leben verbunden zu sein.

Nhankido-Praxis: Bis nur noch der Berg bleibt

Suche dir einen stillen Ort. Es muss kein wirklicher Berg sein. Du kannst vor einem Baum, einem Stein, einer Kerze oder unter dem offenen Himmel sitzen.

1. Im Körper ankommen

Spüre zunächst, wie du sitzt oder stehst.
Nimm den Kontakt zum Boden wahr. Lass die Schultern sinken und den Atem kommen und gehen, ohne ihn zu kontrollieren.
Du musst keinen besonderen Zustand erreichen.
Du darfst einfach ankommen.

2. Wahrnehmen, was vor dir ist

Richte deine Aufmerksamkeit auf das, was vor dir liegt.
Beobachte, wie dein Geist sofort beginnt, zu benennen und zu bewerten:

„Ein Baum.“
„Schön.“
„Alt.“
„Unruhiger Wind.“
„Ich kann mich heute schlecht konzentrieren.“

Unterdrücke diese Gedanken nicht. Nimm lediglich wahr, dass sie entstehen.

3. Die Geschichte des Ichs erkennen

Achte darauf, wann aus der Wahrnehmung eine Geschichte über dich wird:
„Ich müsste ruhiger sein.“
„Ich mache diese Übung nicht richtig.“
„Gestern war meine Meditation besser.“
Erkenne diese Gedanken freundlich als Bewegungen des Ichs.
Du musst sie nicht bekämpfen.
Lass sie weiterziehen.

4. Zur unmittelbaren Erfahrung zurückkehren

Kehre immer wieder zur reinen Wahrnehmung zurück:

Farbe.
Form.
Licht.
Schatten.
Atem.
Körper.
Stille.

Vielleicht entsteht für einen kurzen Augenblick kein Bedürfnis mehr, etwas zu benennen, festzuhalten oder zu erreichen.

Dann ist da nicht länger jemand, der versucht, eine besondere Erfahrung zu machen.

Da ist nur Erfahrung.

Bis nur noch der Berg bleibt.

Fragen für den eigenen Weg

* Wo stelle ich mich selbst zwischen mich und das Leben?
* Welche Rolle glaube ich verteidigen zu müssen?
* Wann höre ich nicht wirklich zu, weil ich innerlich bereits meine Antwort vorbereite?
* Welche Erfahrung könnte ich machen, wenn ich sie für einen Augenblick nicht bewerten würde?
* Was bleibt, wenn meine Geschichten, Rollen und Erwartungen still werden?

Wenn nur noch der Berg bleibt

Nhankido lädt uns dazu ein, mitten im Leben zu üben.

Nicht nur in der Meditation.
Nicht nur im Dōjō.
Nicht nur in Augenblicken der Ruhe.

Wir üben beim Zuhören.
Wir üben im Konflikt.
Wir üben in der Bewegung.
Wir üben, wenn wir verletzt werden.
Wir üben, wenn wir Anerkennung erhalten.
Wir üben, wenn das Leben anders verläuft, als wir es geplant haben.

Der Berg steht nicht außerhalb des Lebens.

Regen, Sturm, Sonne und Schnee gehören zu seinem Dasein.

Auch unsere Stille besteht nicht darin, dass nichts mehr geschieht. Sie zeigt sich darin, wie wir dem Geschehen begegnen.

Wenn das Ich leiser wird, verlieren wir uns nicht.

Wir finden zurück zu einer tieferen Form des Daseins – zu einem Bewusstsein, das wahrnimmt, ohne sofort festzuhalten; das handelt, ohne sich ständig beweisen zu müssen; und das dem Leben begegnet, ohne sich ihm entgegenzustellen.

Dann sitzen wir nicht mehr vor dem Berg.

Wir sitzen mit ihm.

Der Atem bewegt sich.
Der Wind zieht vorüber.
Gedanken entstehen und vergehen.

Nichts muss festgehalten werden.
Nichts muss erklärt werden.
Nichts muss für uns eine besondere Bedeutung besitzen.

Der Augenblick darf einfach sein.

Und wir dürfen in ihm sein.

Bis für einen Moment nur noch der Berg bleibt.

Nhankido-Leitsatz

Wenn das Ich nicht länger zwischen uns und das Leben tritt, wird aus Betrachtung Begegnung, aus Reaktion bewusste Antwort und aus Bewegung ein Ausdruck des Seins.

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